Weltdrogentag: Legal, aber nicht risikofrei – Jugendliche stark machen für den Umgang mit Cannabis
Magdeburg, den 26. Juni 2026 – Seit 1987 erinnert der Weltdrogentag der Vereinten Nationen am 26. Juni weltweit daran, wie wichtig der Schutz der Gesundheit und die Aufklärung über die Risiken von Substanzkonsum sind. In Deutschland steht der Weltdrogentag in diesem Jahr im Zeichen einer veränderten Suchtpolitik und eines Paradigmenwechsels. Die Landesstelle für Suchtfragen im Land Sachsen-Anhalt (LS-LSA) nimmt den Tag zum Anlass, die Weiterentwicklung der Cannabis-Prävention verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken. Seit der Teillegalisierung im Jahr 2024 gehört Cannabis für Erwachsene zum legalen Alltag. Genau diese neue Verfügbarkeit macht es erforderlich, Aufklärung, Schutz-, Hilfs- und Beratungsangebote im Hintergrund komplett neu aufzubauen und anzupassen. Um junge Menschen in ihrer Lebensrealität effektiv unterstützen zu können, setzt die LS-LSA pünktlich zum Weltdrogentag auf eine verstärkte frühzeitige Aufklärung, den gezielten Ausbau von Beratungsangeboten und die aktive Förderung der Fähigkeit zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Cannabis.
In der gesellschaftlichen Debatte bewegt sich Cannabis zunehmend im Spannungsfeld zwischen Normalisierung und Gesundheitsrisiken. Während der Konsum für Erwachsene rechtlich neu geregelt wurde, bleiben die biologischen Fakten für Heranwachsende unverändert. Da das menschliche Gehirn bis weit in das junge Erwachsenenalter hinein reift, birgt der Konsum in dieser Phase spezifische gesundheitliche Gefahren für die kognitive Entwicklung. Die LS-LSA betont in diesem Kontext nachdrücklich: Cannabis ist zwar legalisiert, deswegen aber nicht risikofrei. Das bedeutet, dass frühzeitige Prävention und Beratung unverzichtbar bleiben, um den veränderten Konsumbedingungen mit verlässlichen Strukturen zu begegnen.
Ein zeitgemäßer Umgang mit der Substanz setzt voraus, dass Jugendliche frühzeitig lernen, Risiken selbstständig und realistisch einzuschätzen. Anstatt auf Abschreckung zu setzen, konzentriert sich die derzeitige Präventionsarbeit darauf, die Lebenskompetenzen von Heranwachsende zu stärken. Das Ziel sollte sein, jungen Menschen das nötige „Rüstzeug“ an die Hand zu geben, um Gruppendruck selbstbewusst zu begegnen, Konsumrisiken zu hinterfragen und reflektierte Entscheidungen zu treffen.
Die Notwendigkeit für eine frühe Aufklärung statt einer späteren Abhängigkeit spiegeln auch die Zahlen wider. Die Auswertung der EBIS-Dokumentation für das Jahr 2024, die vom IFT München für 29 teilnehmende Suchtberatungsstellen in Sachsen-Anhalt erstellt wurde und alle Betreuungen inklusive Einmalkontakte umfasst, liefert hierzu klare Erkenntnisse. Bei der Betrachtung der Hauptsubstanz rangiert Cannabis hinter Alkohol konstant auf dem zweiten Platz der Beratungsgründe: In den Jahren 2019 bis 2025 machte Cannabis kontinuierlich zwischen 15 und 16 Prozent aller Beratungsanlässe nach Hauptdiagnosen aus.
Die Notwendigkeit des frühen und intensiven Präventionsansatzes wird jedoch durch den Rückgang der Teilnehmendenzahlen an Frühinterventionsprogrammen wie beispielsweise FreD (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten) untergraben. Die Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN) zeigt hier Mängel in der Suchtprävention auf, da der Rückgang zur verpflichteten Teilnahme an Frühinterventionsprogrammen mangels rechtlicher Handhabe für Polizei und Staatsanwaltschaften nicht durch freiwillige Maßnahmen ausgeglichen wird.
Zugleich verdeutlicht der detaillierte Blick auf die Altersgruppen, wie wichtig eine frühzeitige Verankerung von Aufklärungsangeboten in den Schulen und im familiären Umfeld ist, bevor sich riskante Konsummuster festigen. Bereits bei den Kindern unter 14 Jahren zeigt sich im Jahr 2024 ein erster Beratungsbedarf. Mit dem Eintritt in das Jugendalter nimmt die Nachfrage massiv zu, bevor sie bei den 20- bis 24-Jährigen mit 23 Prozent ihren absoluten Höchstwert erreicht. Diese Altersgruppe bildet die größte Klient*innengruppe. Erst ab dem 25. Lebensjahr flaut das Beratungsaufkommen schrittweise wieder ab.
Hierbei greift ein ganzheitlicher Ansatz, der Verhaltens- und Verhältnisprävention eng miteinander verknüpft. Wirkungsvolle Prävention setzt an zwei Hebeln gleichzeitig an: Zum einen stärkt sie die Jugendlichen selbst, damit sie widerstandsfähig werden und kritisch denken lernen. Zum anderen verändert sie das Umfeld der Jugendlichen.
In Sachsen-Anhalt wird das auch schon praktisch umgesetzt – das zeigen die vielen Angebote und Schulungen der letzten Zeit. So wurden im Rahmen des von der LS-LSA ausgerichteten Fachtags „Cannabis-Teillegalisierung: zum Stand der Dinge“ im Jahr 2025 die aktuellen wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnisse gebündelt. Ein weiterer, ganz konkreter Baustein der Verhältnisprävention vor Ort sind die gesetzlich vorgeschriebenen Schulungen gemäß § 23 Abs. 4 des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) im Land Sachsen-Anhalt, die von der LS-LSA koordiniert werden. Hierbei werden in die Präventionsbeauftragten von Cannabis-Anbauvereinigungen in Sachsen-Anhalt gezielt ausgebildet, um den Jugend- und Gesundheitsschutz direkt an den Schnittstellen des legalen Bezugs zu sichern.
Gleichzeitig wird die direkte Unterstützung im familiären Umfeld großgeschrieben. Mit Informationsangeboten wie „Cannabis – was Eltern wissen sollten“ und der praxisnahen Handreichung für Eltern unter dem Titel „Wenn Ihr Kind mit Cannabis auffällt“ erhalten Mütter und Väter konkrete Orientierungshilfen für den Erziehungsalltag. Zusätzlich finden evaluierte Präventionsprogramme, wie “Der Gründe Koffer” in der schulischen Suchtprävention durch geschulte Fachkräfte Anwendung.
Ein besonderes Augenmerk wird auch zukünftig auf der Darstellung von Cannabis in den sozialen Medien liegen. Auf Plattformen wie TikTok oder Instagram sind Jugendliche im Alltag einer permanenten Sichtbarkeit und oft sehr einseitigen, verharmlosenden Präsentation der Substanz ausgesetzt. Ein zentraler Baustein der Aufklärung sollte daher die Förderung der Medienkompetenz sein. Kinder und Jugendliche brauchen das Wissen, um digitale Inhalte selbstständig zu hinterfragen und geschönte Social-Media-Bilder mit wissenschaftlichen Fakten abgleichen zu können.
In einem weiten Flächenland wie Sachsen-Anhalt bringt dieser ganzheitliche Präventionsansatz spezifische Anforderungen an die Infrastruktur mit sich. Um den Zugang zu Angeboten auch in dünn besiedelten Regionen außerhalb der großen Städte wie Magdeburg oder Halle (Saale) zu sichern, müssen digitale und hybride Beratungsformen weiter ausgebaut werden. Hier setzt auch die Online-Plattform DigiSucht an, die Betroffenen und Angehörigen einen unkomplizierten, anonymen und kostenfreien Zugang zu professioneller Beratung per Chat oder Video ermöglicht (DigiSucht: digitale Suchtberatung, professionell und anonym).
Deutlich wird, dass Prävention eine zentrale Rolle im Umgang und beim Konsum von Cannabis spielen muss. „Rechtliche Rahmenbedingungen – beispielsweise hinsichtlich des KCanG – müssten nachgebessert werden, damit Frühintervention wieder verpflichtend greifen kann, bevor sich riskante Konsummuster verfestigen“, so die LS-LSA.
Am Weltdrogentag bleibt die wichtigste Botschaft für die Zukunft klar. Die LS-LSA schließt daher mit dem dringenden Appell: Legal bedeutet nicht risikofrei – Aufklärung, Prävention und schnelle Hilfen sind wichtiger denn je.